Was bedeutet Tantra? Eine Untersuchung des Wortes Tantra.
Die Bedeutung von Tantra
Was bedeutet Tantra? Eine Untersuchung des Wortes Tantra. Nein, es hat sehr wenig damit zu tun, die sexuellen Praktiken zu beschreiben, die in der amerikanischen alternativen spirituellen Szene so oft erwähnt werden. Zugegeben: Tantra ist ein Buzzword in unserer modernen Gesellschaft – nicht zuletzt, weil es durch genau diese Praktiken populär wurde. Doch der Anteil sexueller Techniken ist verschwindend gering und würde es nicht verdienen, als führendes Bild nach außen den Namen Tantra zu tragen. Nun, offenbar gilt: Sex sells.
Nähern wir uns lieber den echten historischen Wurzeln dieser so spannenden und tiefgründigen Lehren sowie den transformativen Praktiken des Tantra.
Tantra ist ein Wort, das im Grunde die jahrhundertealten tantrischen Lehren zusammenfasst. Es ist einfach ein Name für die Praktiken, die aus den tantrischen Schriften stammen.
Das Wort Tantra kommt aus dem Altindischen Sanskrit und übersetzt sich als „Lehre“ oder einfach „Buch“. Genauer gesagt bezieht sich das Buch üblicherweise auf Schriften von gewissem heiligem Rang oder solche, die von einem Gott oder einer Göttin gegeben wurden. Diese Tantras (heiligen Texte) werden etwa ab dem 6. Jahrhundert und später datiert. Für diese Texte wurde auch das Wort Agama verwendet (lehren, was uns überliefert wurde).
Doch das Wort Tantra weist auch klar auf ein spezifisches (mehr oder weniger vollständiges) System spiritueller Praktiken und der dazugehörigen Texte hin. Man könnte es also auch als „ein System spiritueller Praxis (einer göttlichen Schrift)“ übersetzen.
Schlägt man im Wörterbuch nach, findet man „Webstuhl“ oder auch „Kette“ – was oft (eher zu Unrecht, nach Meinung von Christopher D. Wallis) mit Tantra gleichgesetzt wird, aber wenig damit zu tun hat. In den Originaltexten jedenfalls lässt sich zu dieser Übersetzung keine echte Verbindung finden.
Versucht man, das Wort in seine Bestandteile und ihre Wurzeln zu zerlegen, kommt man einer sinnvollen Übersetzung schon näher. Die Wortwurzel „tan“ bedeutet laut Wallis „ausführen, ausarbeiten, verbreiten“. Die Wurzel „tra“ übersetzt sich als „retten, schützen“. Im Buch „Tantra Illuminated“ schreibt Wallis, Zitat:
„Weil es reichhaltige und tiefgründige Themen ausführt, besonders in Bezug auf die Prinzipien der Realität [Tattvas] und Mantras, und weil es uns rettet [aus dem Kreislauf des Leidens], wird es Tantra genannt.“
Oder mit anderen Worten: Tantra verbreitet Weisheit, die uns schützt. Doch wie bei jedem Sanskrit-Wort gibt es mehr als eine Bedeutung. Dennoch könnte „tra“ als Apparat für die „tan“-Erweiterung gesehen werden. Wie ein Mantra ein Gerät „tra“ ist, um mit dem eigenen Geist „man“ zu arbeiten.
Es gibt nicht so viele Hinweise früher Lehrer, die Tantra definieren. Einer dieser Gurus war jedoch Rama Kantha (lebte etwa 1000 n. Chr.), der Tantra (im Kommentar zur Saardhatrishati Kaalottara) wie folgt definierte:
Tantra ist ein göttlich offenbartes Lehrkorpus, das erklärt, was in der Praxis der Verehrung des Göttlichen notwendig und was hinderlich ist.
Persönlich finde ich die Deutung einer Erweiterung des Bewusstseins (die als Wissen interpretiert werden könnte) sehr passend, auch wenn sie in den Quellen so nicht direkt vorkommt.
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